„Es war ein guter Tag" – und ein unvergessliches Wochenende

19.10.2026 | Übersicht

 Zu Gast bei der Friedenspreisverleihung des Deutschen Buchhandels 2026 an Philippe Sands


„Durch meine Recherche habe ich herausgefunden, dass meine Mutter eine Affäre hatte. Ich konnte sogar den Namen des Mannes ermitteln, aber war zugleich unsicher, ob ich als Sohn das Recht hatte, diese jahrelang geheim gehaltene Information an meinen Vater weiterzugeben, vor allem im Hinblick auf mögliche familiäre Konsequenzen, die sich aus einem Brechen des Schweigens hätten ergeben können.", so erzählt Philippe Sands den ungefähr 60 neugierigen Menschen verschiedenen Alters in einem Gespräch am Samstag, den 10.10.2026, in der Frankfurter Paulskirche von seinen Nachforschungen zu den Ursprüngen von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Unter den Zuhörern und Interessierten waren auch wir: circa 20 Schülerinnen und Schüler aus der E- und Q-Phase der Goetheschule Neu-Isenburg sowie Tal Lichtman und Herr Juretschke als Begleitpersonen. Frau Dr.
Wiser organisierte die Teilnahme an der Friedenspreisverleihung für unsere Delegation der Goetheschule, konnte allerdings am Tag des Interviews und am Folgetag, an dem der Preis verliehen wurde, leider nicht anwesend sein.

Der heute 65-jährige Philippe Sands französisch-britischer Herkunft, der Mann, der sich Zeit für alle unsere Fragen genommen hat, ist Menschenrechtsanwalt, unter anderem am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, Professor für internationales Recht am University College London und Autor zahlreicher Bücher, darunter „Rückkehr nach Lemberg", „Die Rattenlinie", „Die letzte Kolonie" und „Die Verschwundenen von Londres 38". In seinen Werken macht er abstrakte Begriffe wie Genozid, Menschenrechte und Völkerrecht greifbar und trägt damit zur Verwirklichung des Friedensgedankens bei. Aus diesem Grund wurde ihm in diesem Jahr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Mit den im Vorhinein erarbeiteten Fragen trafen sich alle Teilnehmenden am Samstag vor der Paulskirche, kurz darauf traf Philippe Sands ein und das Gespräch, das vom Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, geleitet wurde, konnte beginnen. Sands betonte gleich zu Beginn, wie wichtig es ihm sei, in den Austausch mit jungen Menschen zu treten. Mit seiner sympathischen, lockeren und offenen Art beantwortete er allerlei Fragen zur aktuellen politischen Lage Deutschlands, zu seiner Familiengeschichte und zum Ökozid ebenso wie zu seiner Rolle als Jurist, Professor und Schriftsteller, aber auch als Ehemann und Vater. „Als ich die Mail bekam, in der stand, ich solle den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekommen, dachte ich zuerst, meine Kinder hätten mir einen Streich gespielt" – das war nur eine der vielen persönlichen Anekdoten, die Sands einbrachte und mit denen er ein kollektives Schmunzeln hervorrief. Auch wenn letzten Endes aus zeitlichen Gründen nicht alle unsere Fragen gestellt und beantwortet werden konnten, hat es sich allemal gelohnt, sich über das Wirken von Philippe Sands zu informieren und unseren Wissenshorizont sowohl durch eigene Recherche als auch durch die Teilnahme an diesem Gespräch zu erweitern.

Am Sonntag, den 11.10.2026,  trafen wir uns dann zur Preisverleihung und passierten gemeinsam die Sicherheitsschleuse, die dem Schutz aller Anwesenden, allen voran aber der Sicherheit der zahlreichen bedeutenden Personen aus der Politik, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour, Bundesjustizministerin Stefanie Hubig und Hessens Kunstminister Timon Gremmels, diente. In seinem Grußwort rief Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef dazu auf, aus der Geschichte zu lernen und sich gemeinsam für die Demokratie und ihre Grundsätze zu engagieren. „Faschismus und Antisemitismus sind niemals eine Lösung, aber immer das Problem!", so Josefs packende Worte, die im Gedächtnis bleiben.

Im Anschluss hielt auch der tags zuvor schon kennengelernte Sebastian Guggolz ein Grußwort. Er hob die Bedeutung von Büchern für eine friedlichere Welt hervor und stellte fest, dass wir in heutigen Zeiten oft „kaum noch zuhören oder uns die Zeit zur Reflexion nehmen, um den eigenen Standpunkt zu überprüfen." Er äußerte Kritik am zu schnellen Fällen von Urteilen und lobte Sands im gleichen Atemzug für sein Engagement und dafür, durch die Literatur eine Möglichkeit gefunden zu haben, „das gefällte Urteil wieder in die Vielschichtigkeit [zurückzuführen]." Nach einer kurzen musikalischen Darbietung hielt Mirjam Zadoff, renommierte Historikerin und Leiterin des NS-Dokumentationszentrums München, die Laudatio auf Philippe Sands. Sie lobte ihn als jemanden, der „Anlass zur Hoffnung" gibt – jemanden, der zwei oft getrennte Welten, nämlich die der historischen Präzision und die des hohen literarischen Anspruchs, in seinen Werken vereint. Ihre Rede schließt Zadoff mit den berührenden Worten: „Und am Ende dieses [heutigen] Tages werden wir sagen: Es war ein guter Tag", eine Anspielung auf eine persönliche Anekdote der französischen Schriftstellerin Agnès Desarthe über Sands, die ihn einst als einen Menschen beschrieb, „der am Ende eines jeden Tages den Wunsch hat zu sagen: »Es war ein guter Tag«".

Im Folgenden wurde Sands die Urkunde für den Friedenspreis überreicht. Seine Dankesrede schnitt viele Themen an, unter anderem sein Aufwachsen in einer jüdischen Familie, in der fast alles Deutsche verboten war und Schweigen über die Schrecken der Vergangenheit und den Verlust von Familienmitgliedern im Holocaust herrschte. Auch sprach Sands über die Ursprünge des Völkerstrafrechts und die Wichtigkeit des Völkerrechts in der heutigen Zeit. Passend dazu thematisierte er globale Bedrohungen wie die sich schnell fortentwickelnde Technologie und den Klimawandel sowie seine Bestrebungen, den Straftatbestand des „Ökozids" im Völkerrecht zu verankern. Sands äußerte außerdem Kritik an dem „lauten Schweigen" Deutschlands „zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland" und forderte von Deutschland, aber auch von jedem einzelnen Menschen, das Schweigen über historische und politische Ereignisse zu brechen. Er rief dazu auf, Schriftsteller und Juristen zu schützen, „die Regeln auf alle an[zu]wenden, auf Freunde und Familie gleichermaßen" und Hoffnung aus den Ideen der Begründer des Völkerrechts zu schöpfen. Genau diese von ihm geforderte Hoffnung wurde in dem Zitat von Sands’ Lieblingskünstler Leonard Cohen noch einmal deutlich, welches Sands am Ende seiner Rede vortrug: „Let us not forget there is a crack, a crack in everything, that's how the light gets in."

Aus den zwei Tagen in der Frankfurter Paulskirche konnte jeder von uns nicht nur Erfahrungen und Erinnerungen mitnehmen, sondern auch Wissen über Philippe Sands und sein Schaffen, seine Familiengeschichte und Werte und Prinzipien, die wir verteidigen und beschützen sollten. Auch den „geschärften Blick auf die Welt", den Sebastian Guggolz ansprach, nehmen wir mit, ebenso wie die Erkenntnis, dass Engagement und Menschlichkeit die stärksten Antworten auf die Krisen unserer Zeit sind. Das Gespräch mit Philippe Sands, einem Mann, der sich für ein friedliches Miteinander einsetzt, motiviert uns als Schülerinnen und Schüler dazu, mutig hinzusehen, unsere Stimme gegen Ungerechtigkeit zu erheben und das Völkerrecht als universelle Sprache der Hoffnung zu verstehen. Wir wurden darin bestärkt und dazu ermutigt, mit Familienmitgliedern, Freunden und Menschen, die eine andere Meinung als wir selbst haben, in den Austausch zu treten und das Schweigen über Wahrheiten zu brechen, sodass am Ende des Tages hoffentlich niemand von uns in das Dilemma gerät zu entscheiden, ob man ein aufgedecktes Familiengeheimnis enthüllen oder im Verborgen ruhen lassen soll.

 

Ein Bericht von Liz Hannemann, Q1